Hilfe, ein Trotzanfall kündigt sich an! Was kannst du tun, wie kannst du Trotzreaktionen vermeiden und vor allem – wie behältst du TROTZdem die Nerven? Ein persönlicher Erfahrungsbericht mit Expertinnen-Tipps von Pädagogin Ilse Maria Lechner in den Mama-Mindset-Minuten.
Experten nennen es die erste Autonomiephase des Kindes. Ich nenne es den Schrecken aller Eltern. Denn meine erste Bekanntschaft mit der Trotzphase war so eindrucksvoll, dass ich sie nie vergessen werde.
Meine damals 2,5-jährige Tochter und ich stehen in einem großen österreichischen Drogeriemarkt. Sie möchte einen kleinen Kinder-Einkaufswagen schieben, ich will einen großen Wagen nehmen. Eine kleine Meinungsverschiedenheit, ein scheinbar alltäglicher Moment.
Doch dann passiert es.
Mein blondgelocktes, eben noch fröhlich strahlendes Mädchen verwandelt sich in ein blau-rot-brüllendes Wesen. Die Tränen der Wut schießen waagrecht aus ihren Augen, die Töne, die sie von sich gibt, erinnern an eine zornigen Nashorn-Bullen, der einen Nebenbuhler aus dem Weg räumen möchte. Und als wäre das noch nicht genug, wirft sich mein kleines Wutmonster spektakulär auf den Fliesenboden und beginnt mit Armen und Beinen wild um sich zu schlagen.
Herzlich willkommen in der Trotzphase!
Das Schlimmste, was dir in einer Situation wie dieser passieren kann, sind gut gemeinte Ratschläge von wildfremden Menschen. Und – tragisch aber wahr – das, was du in dieser Situation garantiert bekommst, sind gut gemeinte Ratschläge von wildfremden Menschen. 😱
Der „wohlmeinenden“ Pensionistin, die im Vorbeigehen fragt: „Na, was hat denn das arme Kind?“ und der empört den Kopf schüttelnden Business-Lady im schicken Designer-Kostüm sei an dieser Stelle gesagt: Fahrt einfach zur …!!!
In meiner Verzweiflung habe ich damals mein Kind gepackt und den Drogeriemarkt fluchtartig verlassen. Heute, neun Jahre später (willkommen in der Pubertät 🙈) weiß ich viel mehr über die Entwicklung, die Kinder in dieser Autonomiephase durchmachen. Und weil alles, was man versteht, leichter zu meistern ist, möchte ich genau dieses Wissen sowie meine persönlichen Erfahrungen heute mit dir teilen.
Außerdem habe ich als Mama nach dieser Situation noch viele ähnliche erlebt und mir meine eigenen Strategien gebastelt, um besser damit umzugehen. Eine dieser Strategien war übrigens der „Ich kann es“-Zauber ✨💖🐭
Was ist die Trotzphase?
Die Trotzphase ist ein erster großer und einschneidender Entwicklungsschritt im Leben deines Kindes. Es begreift sich zum ersten Mal als Individuum, das selbstständig und selbstbestimmt handelt. In der Trotzphase löst sich dein Kind zum ersten Mal ein wenig von dir. Deswegen bezeichnet man das Trotzalter auch als Autonomiephase. Dein kleines Zaubermäuschen wird also langsam groß und will diesen Schritt mit Zähnen und Klauen gegen dich verteidigen – ganz so wie bei meinem Erlebnis im Drogeriemarkt. 😅 Der Zorn und die Wut, die du deswegen abbekommst, gelten jedoch nicht dir als Person, sondern der Tatsache, dass du deinem Kind weiterhin Grenzen setzen möchtest. Damit sind Konflikte in der Trotzphase vorprogrammiert.
Trotzphase und Autonomiephase
Der bekannte dänische Familien-Therapeut Jesper Juul bevorzugt den Ausdruck Autonomiephase und vermeidet den Begriff Trotzphase. Warum ist das so?
Jesper Juul ist überzeugt, dass Kinder in dieser Lebensphase (genauso wie in der Pubertät) ihre wichtige Entwicklung hin zu einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben machen. Seine wichtigste Empfehlung für den Umgang mit Kindern in der Autonomiephase ist es, zu vermitteln: „Du bist okay, so wie du bist, und wir lieben dich.“ Sehr schön beschrieben hat er das in seiner Kolumne auf derstandard.at.
Wann erreicht die Trotzphase ihren Höhepunkt?
Wann die Trotzphase ihren Höhepunkt erreicht, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. Bei meiner Tochter war die Phase zwischen drei und vier Jahren besonders herausfordernd. Generell sagt man, dass das Trotzalter mit etwa 2,5 Jahren beginnt und bis zum 5. Lebensjahr andauern kann.
Was tun bei einem akuten Trotzanfall?
Soweit, so gut. Doch wie geht man denn jetzt mit einem Trotzanfall um? Wie reagiert man „richtig“, wenn das eigene Kind zornig über den Fließenboden robbt, hysterisch schreiend am Spielplatz davonrennt oder daheim das Lieblingsspielzeug gegen die Wand donnert? Genau diese Fragen habe ich in den Mama-Mindset-Minuten der lieben Ilse Maria Lechner vom Entfaltungsparadies gestellt. Als Elterncoach begleitet sie Familien zu einem entspannten Miteinander in allen Lebenslagen – von der Trotzphase bis zur Pubertät.
Richtig reagieren in der Trotzphase
Keine Sorge, ich komme jetzt nicht wie 99 % aller Elternratgeber mit Ruhe und Gelassenheit. Denn ganz ehrlich, wenn sich dein entzückendes Kleinkind von einer Sekunde auf die andere in einen Wutzwerg verwandelt, ist es wirklich eine absolute Herausforderung ruhig und gelassen zu bleiben. Vor allem dann, wenn der Trotzanfall in der Öffentlichkeit passiert und alle Augen sich auf dich richten.
Trotzdem – und ich spreche wirklich aus eigener Erfahrung – wenn du dich mit deinem Kind unter die Wutdusche stellst, wird die Sache nicht besser. Im Gegenteil.
Meine persönlichen Tipps für die Trotzphase
Situation kurz verlassen
Ich habe daher immer versucht, die Situation kurz zu verlassen. Und wenn es nur für drei Atemzüge war, bis mir mein Rumpelstilzchen nachgelaufen kam, um den Rest des Zorns über mir zu entladen. Diese drei Atemzüge haben mir geholfen aus der Emotion ins klare Denken zu kommen.
Wutpolster
Wichtig war mir auch immer, dass die Wut ihren gesicherten Raum bekommt. Deswegen haben wir den Wutpolster eingeführt – ein großes Kissen (einfach das, das am schnellsten greifbar war), in das man nach Herzenslust hineinschreien und boxen darf.
Das klingt vielleicht etwas wild, aber der Punkt ist: Die Emotion, also die Wut, ist ja da. Sie kann nicht ignoriert und schon gar nicht übergangen werden. Sie muss raus, sonst sucht sie sich irgendeinen anderen Weg und der ist meistens ausgesprochen ungünstig.
Buchtipp: Das kleine Wutmonster
Ein Buch, das meine Tochter in diesem Alter sehr geliebt hat, war „Das kleine Wutmonster“ von Britta Schwarz. Es zeigt sehr liebevoll, wie sich die Wut als kleines blaues Monster in den alltäglichsten Lebenssituationen aufdrängt. Marvin, der Protagonist, muss sich aber auch wirklich ständig ärgern – über die Mama, die Schwester und die Kindergartenfreunde. Gemeinsam mit seiner Freundin singt er dann das Wutlied, mit dem er das Wutmonster vertreiben kann. Das gedankliche Bild des Wutmonsters und das Lied hat mir sehr oft geholfen, den nächsten Trotzanfall abzufangen bzw. schneller aufzulösen. Daher eine absolute Empfehlung von mir!
Eltern-Tipps für die Trotzphase
Um die Trotzphase als Mama oder Papa gut zu überstehen, brauchst du vor allem eines: gute Nerven! Es gibt aber natürlich auch noch ein paar Geheimtipps, die dir helfen, es mit deinem Kind im Trotzalter etwas leichter zu haben.
Genau diese Tipps, von Mama zu Mama bzw. Eltern hat mir Ilse Maria Lechner vom Entfaltungsparadies in den Mama-Mindset-Minuten verraten. Als Elterncoach und Pädagogin begleitet Ilse Familien in unterschiedlichsten Lebensphasen. Sie ist selbst Mama von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern und ich schätze ihre herzliche, praxisbezogene und realitätsnahe Art sehr.
Mama-Mindset-Minuten
Ablenkung
Es ist so weit, der Trotzanfall macht sich bemerkbar und deine Alarmglocken schrillen. „Eine Möglichkeit, um einen akuten Trotzanfall abzufangen, ist Ablenkung“, hat mir Ilse Lechner in den Mama-Mindset-Minuten erklärt. Um gedanklich beim in der Einleitung genannten Beispiel vom Einkaufen zu bleiben: Du kannst dein Kind zum Beispiel bitten, dir beim Auflegen der Waren auf das Förderband bei der Kassa zu helfen. Wichtig ist, dass das Kind in der Situation ins „selbst machen“ kommt und sich beteiligen kann. Die gute Nachricht: Das funktioniert bei vielen Kindern sehr gut. Die schlechte Nachricht: bei manchen gar nicht. 🙈
Verständnis zeigen
So herausfordernd es manchmal auch ist, das Wichtigste für dein Kind in der Trotzphase ist dein Verständnis. „Gerade gefühlsstarke Kinder brauchen in dieser Situation Hilfe, um ihre emotionale Welt wieder zur Ruhe zu bringen“, sagt Ilse. In den Arm nehmen, Verständnis ausdrücken für die Gefühle – all das hilft deinem Kind dabei, sich wieder abzukühlen.
Paradoxe Intervention beim Trotzanfall
Eine Methode, die ebenfalls hilfreich sein kann, ist die paradoxe Intervention. Dabei reagierst du auf eine Art und Weise, die dein Kind auf keinen Fall erwarten würde und holst es so aus dem Gefühlstunnel. Wenn dein kleiner Trotzkopf sich also in – wie Ilse Lechner es nennt – Seestern-Position auf den Boden schmeißt, legst du dich dazu und schreist mit. Diese Vorgehensweise ist freilich nichts für schwache Nerven und sicher eher für die eigenen vier Wände als die Öffentlichkeit geeignet.
Dazu stehen
Auch wenn wir Mamas und Papas es manchmal vielleicht nicht wahrhaben wollen: Unsere Kinder sind Gott sei Dank nicht immer nur perfekt und angepasst. Sie haben ihre guten und ihre schlechteren Seiten, sie durchlaufen Entwicklungsphasen und zeigen ihre Emotionen. Manchmal, wie in der Trotzphase, eben auch sehr deutlich und öffentlich sichtbar. Wenn wir uns das bewusst machen und ganz einfach dazu stehen, nehmen wir uns selbst sehr viel Druck: „Ja, mein Kind ist in der Trotzphase und ich stehe dazu!“
Vereinbarungen treffen
Ein toller Tipp von Ilse Lechner, der auch bei uns damals sehr gut funktioniert hat, war es Vereinbarungen zu treffen: Wir haben uns vor dem Einkaufen ausgemacht, ob und was „zusätzlich“ im Wagerl landen darf. Damit haben wir uns dann vor Ort viele Diskussionen und Tränen sowie sicher so manchen Trotzanfall erspart.
Entscheidungsspielraum schaffen
Wenn Kinder im Trotzalter merken, dass sie fremdbestimmt sind, reagieren sie trotzig. Oft kann es daher extrem hilfreich sein, in Alltagssituationen Entscheidungsspielraum zu schaffen. Dein Kind will nicht Zähneputzen? Die Frage: „Willst du mit der roten oder der grünen Zahnbürste deine Zähne putzen?“, gibt deinem Kind die Möglichkeit selbst zu entscheiden und erstickt zugleich die Grundsatzdiskussion über das Zähneputzen im Keim.
„Ich kann es“-Zauber im Trotzalter
Genau bei diesem Punkt, dem Entscheidungsspielraum für dein Kind, hat uns auch der „Ich kann es“-Zauber sehr geholfen. Denn im Trotzalter, wenn Kinder ihre erste Autonomiephase erleben, sind das „Selbermachen“ und „Selberkönnen“ wie gesagt ganz besonders wichtig. In manchen Situationen ist das nur schwer möglich – du kannst ein dreijähriges Kind nun mal nicht alleine den Wasserkocher bedienen oder mit dem scharfen Messer einen Brotlaib aufschneiden lassen.
Umso wichtiger ist es meiner Erfahrung nach bewusst Situationen zu schaffen, in denen Kinder ihre Selbstwirksamkeit üben dürfen. Situationen, in denen du dir in Ruhe Zeit nehmen kannst, um dein Kind dabei zu begleiten, wenn es „selber machen darf“. Gemeinsam kochen und backen sind sehr gute Gelegenheiten dazu.
Durch das selbst tun und sich ausprobieren, stoßen Kinder natürlich auch an die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Das Anziehen der Schuhe funktioniert nicht so, wie sie es sich vorstellen. Das Fahrradfahren will noch nicht gelingen. All das kann wieder Anlass für einen ordentlichen Trotzanfall oder einen Wutausbruch sein.
Um solche Situationen besser zu bewältigen, habe ich den „Ich kann es“-Zauber erfunden. Meine Tochter und ich haben ihn in herausfordernden Situationen gezaubert. Wir haben uns hingestellt, uns groß gemacht wie Hulk und laut „Ich kann es, ich kann es, ich kann es“ gerufen. Das war dann immer eine lustige Situation. Stell dir vor, du stehst mit deinem Kind bei den ersten Fahrversuchen am Fahrrad mitten am Gehsteig und zauberst wie die gute Fee aus Cinderella. Da musst du einfach lachen.
Und genau diese fröhliche Auseinandersetzung mit dem Ärger hat uns ganz viel Leichtigkeit gebracht. Ja, und daraus ist dann mein erstes Kinderbuch Emma und die Federmaus: Der „Ich kann es“-Zauber entstanden.
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